Sigi Abrell - Reiten lernen. Ohne Wenn und Aber.
Das 'Auf die Hand legen'.
Im Laufe der Ausbildung können sich Anlehnungsfehler einschleichen, einer davon ist das 'Auf-die-Hand-legen'. Das Pferd benutzt dabei die Hand des Reiters als Stütze, legt Kopf und Hals hinein und läßt sich festhalten. Dabei kommt es extrem auf die Vorhand, die Hinterhand stellt es nach hinten heraus.
Der Grund dafür liegt meist in der ungenügend aktiven Hinterhand und dem nicht schwingenden Rücken. Mangelnde Losgelassenheit kann, muß aber dabei keine Rolle spielen. Verstärkt wird dieser Anlehnungsfehler oft durch die mangelhafte Hilfenkoordination des Reiters, der sich dabei erfahrungsgemäß eher auf 'Vorne' konzentriert und vergißt, auf die Aktivität der Hinterhand zu achten.
Aufwärtsparaden, also ein 'Hochholen' des Kopfes mit der Hand (wie auch immer), helfen in dieser Situation nicht viel, weil das Pferd darauf nur wieder mit Auf-die-Hand-legen reagiert. Im ungünstigsten fall wird das Pferd eng, es rollt sich ein.
Im Grunde hat Ihr RL recht, wenn er in diesem Fall sagt "Gegenhalten-Nachtreiben", er könnte sich aber auch ein bißchen präziser ausdrücken, denn wahrscheinlich hat er 'elastisch durchhalten' gemeint.. und das ist NIE ein starres Gegenhalten. Es soll sich vielmehr so anfühlen wie ein elastisch federndes Im-Rahmen-behalten.
Also, Sie wollten einen Tipp:
Das Pferd sucht die Anlehnung, der Reiter gewährt sie.
Für Sie heißt das in der Praxis, Ihr Pferd muß zweierlei Erfahrungen machen können:
1. Ihre Hand ist unzuverlässig und taugt nicht als Stütze
2. Ihre Hand ist angenehm.
Zu 1:
Wenn Ihr Pferd es sich das nächste Mal auf Ihrer Hand bequem machen möchte, geben Sie für einen kurzen Moment beidseitig leicht nach. Für einen kurzen Moment!
Treiben Sie ein kleines bißchen nach, der anfänglich festgehaltene Rücken sorgt dafür, daß Ihr Pferd von alleine wieder hochkommt, weil es durch das vermehrte Untertreten von hinten zieht.
Dann nehmen Sie wieder Fühlung mit dem Maul auf, OHNE nach hinten zu wirken, es wird lediglich der leichte Zug ausgeübt, der notwendig ist, die Zügel anstehend zu halten. Über kurz oder lang wird in Ihrem Pferd die Erkenntnis wachsen, daß es einfacher ist, Kopf und Hals selbst zu tragen, als diese Aufgabe Ihrer unzuverlässigen Hand zu übergeben. Sie müssen nur ein wenig Geduld haben.
Zu 2:
Keine annehmenden Zügelhilfen. KEINE annehmenden Zügelhilfen.
Elastisch durchhalten können Sie und sollen Sie auch, achten Sie darauf, daß es sich an beiden Zügeln gleich anfühlt. Lassen Sie Ihrem Pferd die Zeit, herauszufinden, daß es an die Hand herantreten kann, weil diese Ruhe gibt. Also KEIN links/rechts, hoch oder was es sonst noch an Varianten gibt. Sorgen Sie einfach dafür, daß die Nase ruhig steht.
Kommen Sie mit der Hand nicht zu weit nach vorne, rahmen Sie vielmehr Ihre Mittelpositur mit den locker herabhängenden Oberarmen ein. Mehr brauchts nicht.
Nun schenken Sie Ihre Aufmerksamkeit dem Grundtempo, es soll ein wenig frischer sein als das, was Ihr Pferd Ihnen als 'Vorzugstempo' anbietet. Das Vorzugstempo Ihres Pferdes ermitteln Sie, indem Sie am langen Zügel antraben und die Schenkel nur am Pferd angelegt lassen, ohne übermäßig zu treiben. Das hier resultierende Tempo ist das Vorzugstempo des Pferdes, also das Tempo, das es bevorzugt laufen möchte.
Sie fordern nun von Ihrem Pferd ein frischeres Tempo und behalten dieses auch bei, ohne daß Pferd dabei ins 'Rennen' kommt, denn das würde wieder Taktfehler nach sich ziehen. Sie brauchen dieses erhöhte Grundtempo um daraus den 'Schwung' entwickeln zu können, also das Durchschwingen der Bewegung von hinten nach vorne. Dieses Durchschwingen wird sich langsam entwickeln, wenn Sie die Energie, die aus der vermehrt aktivierten Hinterhand kommt, vorne an der Hand elastisch auffangen, sie gleichsam 'im Pferd behalten'. Dieses Vorgehen kann vorübergehend den Grad der Anlehnung verstärken. Wenn Sie aber darauf achten, daß sie niemals zum 'Ziehen' kommen, können Sie das 'mehr in der Hand' erstmal ignorieren. Das Pferd wird sich nach einer Zeit an der federnden Hand abstoßen und die Energie wieder, wie eine Welle, nach hinten durchlassen. Dort wird die Energie wieder vom Schenkel aufgefangen und das Spiel geht von vorne los.
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